„Das beste Gegengift gegen Klimaangst ist Selbstwirksamkeit“

Katharina van Bronswijk, Psychotherapeutin und Autorin, spricht in unserem Interview darüber, wie man mit Kinderängsten in Bezug auf den Klimawandel umgeht, wie eine gute Kommunikation mit der Eltern- und Großeltern-Generation zu diesem Thema verlaufen kann und über die Bedeutung von Klimaangst - auch ihre eigene.

Sie sind Gründungsmitglied von Psychologists for Future: Was war der Antrieb für die Gründung? Haben Sie sich von Fridays for Future inspirieren lassen?

Ich hätte nicht gedacht, dass ich Herrn Lindner mal für etwas so dankbar sein könnte wie für seinen Satz, dass die Kinder und Jugendlichen den Klimaschutz mal den Profis überlassen sollen. Das war der Initiationsmoment für die Scientists for Future und in der Folge auch für die Psychologists for Future. Wir stehen hinter den Forderungen der Fridays for Future und wollen eben psychologisches Wissen bekannter machen, dass in der sozialökologischen Transformation hilfreich sein kann.

Warum handeln wir nicht entschlossener, obwohl wir um die Bedrohung durch den Klimawandel wissen?

Es gibt eine Vielzahl umweltpsychologischer Forschung zur Lücke zwischen Wissen und Handeln – das würde jetzt zu weit führen. Ich glaube der wesentlichste Punkt sind die Hürden. Es ist einfach nicht leicht genug das richtige zu tun. Man kann de facto in Deutschland aktuell nicht klimaneutral leben. Es ist deswegen demotivierend, an seinem Konsum etwas verändern zu sollen. Hier zeigt sich, dass sich an unseren Lebensbedingungen etwas ändern muss. Wir müssen die Gesellschaft umbauen und wie das geht, lernen wir in der Schule nicht. Wir haben verlernt im Kollektiv zu denken, weil wir in einer so individualistischen Gesellschaft leben. Wir wissen nicht mehr, wie Bürger*in in einer Demokratie sein funktioniert, wie Partizipation und Mitbestimmung funktionieren. Deswegen warten wir darauf, dass „die anderen“ – die Wirtschaft, die Politik, wer auch immer, etwas tut. Wir fühlen uns einfach nicht zuständig. Aber als Arbeitnehmer sind wir Teil der Wirtschaft und als Bürger*in in einer Demokratie auch Teil der Gesellschaft und der Politik – wir sind der Souverän dieses Landes. Wir sind zuständig.

Was würden Sie Eltern raten, wie sie ihren Kindern, die sich wegen des Klimawandels um ihre Zukunft sorgen, die Klimaangst nehmen?

Versuchen Sie nicht Ihren Kindern die Klimaangst zu nehmen. Helfen Sie Ihren Kindern offen und ehrlich mit der aktuellen Welt fertig zu werden. Zu sagen „das wird schon“ und „so schlimm ist es doch bestimmt gar nicht“ sind Lügen. Als Erwachsene müssen wir erstmal selbst mit unseren Klimagefühlen einen Umgang finden, damit wir unsere Kinder dann auch gut auffangen können. Dann geht es darum, anzuerkennen, dass die Klimaangst, Klimawut und Klimatrauer begründet sind und im nächsten Schritt darum, was man tun kann, um zur Lösung beizutragen. Das beste Gegengift gegen Klimaangst ist Selbstwirksamkeit – das Gefühl etwas zur Lösung beitragen zu können.

 Was würden Sie empfehlen, wenn jemand mit seinen Eltern oder Großeltern in Streit gerät, weil diejenigen sagen, sie hätten ihr ganzes Leben schwer geschuftet und hätten nun das Recht darauf, ihr Leben zu genießen und würden sich jetzt nicht vorschreiben lassen, wie sie zu leben oder zu konsumieren hätten? 

Ich glaube es ist wichtig anzuerkennen, dass das das Narrativ war, mit dem unsere Gesellschaft jahrzehntelang funktioniert hat. Das Versprechen und der Lebensentwurf dieser Generationen war: erst 45 Jahre hart arbeiten und dann genießen. Wir nehmen eine Grundlage der eigenen Identitätserzählung weg, wenn wir sagen „das gilt jetzt nicht mehr“. Deswegen geht es darum, erstmal zuzuhören, gemeinsam zu betrauern, dass man sich betrogen fühlt von der Entwicklung der Welt. Das tun ja die Jungen genauso wie die Alten. Und dann kann sich eine neue Perspektive davon entwickeln was „das Leben noch ein wenig genießen“ heißt. Wenn man Menschen auf dem Sterbebett fragt, was sie rückblickend gerne anders gemacht hätten, dann sagen die meisten, dass sie gerne mehr Zeit mit ihren liebsten Menschen gehabt hätten. Das kann der Großteil von uns auch ohne Flugreise oder Kreuzfahrt. Gemeinsamkeit erlebt man auch bei einer gemeinsamen Radtour.

 

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„Das beste Gegengift gegen Klimaangst ist Selbstwirksamkeit“

Sie haben davon berichtet, dass Sie Klimaaktivst*innen psychologisch beraten und dass es immer wieder vorkommt, dass einige Burn-outs oder schwere psychische Krisen erleben. Woran leiden die Aktivist*innen besonders? Verzweifeln sie, weil die Gesellschaft zu wenig Bereitschaft zeigt, sich zu ändern oder ist es eher der Hass und die Gegenwehr, die ihnen von einigen Teilen der Gesellschaft und den Medien entgegenschlägt, die sie niederdrücken?

Das ist sehr individuell. Oft sind eine große Enttäuschung und Verzweiflung darüber vorhanden, dass die gesellschaftliche Transformation nicht so schnell vorangeht, wie es nötig wäre, um unsere Lebensgrundlagen zu erhalten. Das Handlungsfenster schließt sich. Die Antwort darauf ist – mehr und mehr aktiv zu sein. Wenn man dann kein Ende mehr findet, dann kann das im Burnout enden. Das Problem ist zu groß, das Gewicht der Welt zu schwer für nur ein paar Schultern. Wir müssen auch unsere eigene Begrenztheit im Umgang mit diesen globalen, chronischen Krisen akzeptieren lernen. Das ist schwer, es geht schließlich um unser Überleben als Menschheit, das Überleben des Lebens auf diesem Planeten – unsere Zukunft.

Sie beschreiben, dass Menschen sich auch deswegen nicht genügend bemühen, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen, weil sie fürchten müssen, damit einen Teil ihrer Privilegien oder den für sie angenehmen Status Quo aufgeben zu müssen. Was raten Sie diesen Menschen? 

Sich zu fragen – wofür? Was ist es, was mich wirklich glücklich macht? Es herrscht ein riesiger Wettbewerb untereinander, wer welche Statussymbole angesammelt hat, wer welche exotische oder luxuriöse Fernreise gemacht hat. Das stresst doch ungemein. Dieses Verhalten ist aber eher eine Ersatzbefriedigung für eigentlich viel basalere Bedürfnisse: Wir wollen von den anderen Menschen gemocht werden, einen stabilen Selbstwert haben, uns als kompetent erleben und frei sein. Dafür brauchen wir kein Auto, keine dicke Uhr, kein neuestes Smartphone oder eine Reise auf die Malediven. Wir brauchen etwas, dass unserem Leben Sinn gibt und wir brauchen gute Beziehungen.

Was machen diejenigen, die aufgrund von mangelndem materiellem Wohlstand viele Transformationsprozesse nicht wahrnehmen können, z.B. nicht die teureren ökologischen und nachhaltig hergestellten Produkte erwerben, es sich nicht leisten können, sich ein Elektroauto anzuschaffen oder im Eigenheim energetische Sanierungen vornehmen zu lassen?

Die Transformation unserer Gesellschaft wird nicht in unserem Haushalt entschieden. Die Menschen, die sich all das nicht leisten können sind nicht die mit dem großen CO2-Fußabdruck. Arme und marginalisierte Menschen tragen am allerwenigsten zu den Klimaauswirkungen bei. Wir müssen anfangen, die wirklichen Verursacher an den Pranger zu stellen: Die fossilen Unternehmen und die Superreichen, die einen vielfach höheren CO2-Fußabdruck haben als jemand, der sich das Elektroauto nicht leisten kann. Deswegen müssen wir aufstehen, auf die Straße gehen, mit der Politik sprechen und dafür sorgen, dass diese Teile unserer Gesellschaft nicht abgehängt werden – so wie sie schon immer abgehängt wurden. In dieser Transformation steckt eine riesige Chance, auch soziale Ungleichheiten zu verkleinern.

Können Sie selbst Gefühle wie Klimaangst, Klimawut oder auch Klimatrauer nachvollziehen?

 Natürlich. Ich habe sie ständig. Sie sind mein Antrieb etwas zu tun.

Ihr Buch „Klima im Kopf“ ist gerade im Oekom Verlag erschienen? Was hat Sie dazu bewogen, es zu schreiben?

Ein Bekannter von mir sagte mal „Psychologie ist Herrschaftswissen“. Das sollte sie nicht sein. Ich finde, dass dieses Wissen so relevant ist, dass es allen zur Verfügung stehen sollte, auch wenn wir kein Studium der Psychologie absolvieren wollen oder können.

Frau van Bronswijk, wir danken Ihnen für das Gespräch.

„Klima im Kopf – Angst, Wut, Hoffnung: Was die ökologische Krise mit uns macht“ ist im Oekom Verlag erschienen

Katharina van Bronswijk
Katharina van Bronswijk ist als Sprecherin der Psychologists and Psychotherapists for Future gut vertraut mit den
komplexen Zusammenhängen zwischen Umweltkrisen und psychischer Gesundheit, zu denen sie regelmäßig
Vorträge hält, Interviews gibt und publiziert (zuletzt »Climate Action – Psychologie der Klimakrise«). Die
Psychologin und Verhaltenstherapeutin ist seit 2009 im Klimaschutz aktiv, unter anderem bei Greenpeace, und
betreibt eine eigene Praxis in der Lüneburger Heide.

© Arnaud Boehmann

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